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Lust auf Lei(s)tung
(veröffentlicht in : Bremer Lehrerzeitung 10-1998)
Die suchende Auseinandersetzung mit der ganz spezifischen eigenen Aufgabe, die ein Mann oder eine Frau in ihrem Leben erfüllen will, trägt zu persönlichem Wachstum bei. Was einerseits Energie und Zeit kostet, beinhaltet auch die Chance, zur Quelle von Kraft und Selbsterkenntnissen zu werden. Eine Lehrerin, die nach fast zwanzig Berufsjahren Schulleiterin werden wollte, machte sich auf den mühsamen Weg, dieses Ziel zu verwirklichen. Manchmal ging sie ohne Landkarte und manchmal verlor sie das Ziel aus den Augen. Sie bewältigte steinige Wegabschnitte, entdeckte ungeahnte Abzweigungen, aber fand auch hilfreiche Hinweise und ruhige Plätze zum Verweilen. In diesem Suchprozess wandte die Lehrerin sich mehrfach an mich als Supervisorin und Trainerin. Sie besuchte bei mir berufliche Fortbildungen zur Berufs – und Lebenswerggestaltung und Entwicklung von Leitungskompetenzen und vertiefte in Einzelberatungen und Gruppensupervision ihren persönlichen Prozess. Nach fast drei Jahren entstand der vorliegende Bericht aufgrund einer gemeinsamen Reflexion über den bisherigen Entwicklungsprozess und die inneren Zusammenhänge der verschiedenen Lernerfahrungen. Er ist ein Versuch, überpersönliche Zusammenhänge von beruflichen Veränderungsprozessen erkennbar werden zu lassen. Zur eigenen Leistungsfähigkeit stehen "Erst mit vierzig kam mir die Erkenntnis: Ich kann wirklich was, ich bin eine starke Frau. Das war mein Wendepunkt,als ich begriff, daß ich dieEnergien in mich und meine Leistungen stecken mußte. Ein Auslöser für diese Erkenntnis war ein Beratungsgespräch über Schulprobleme meines älteren Sohnes. Als deutlich wurde, daß ich meine Leistungsvorstellungen auf ihn projizierte, begann bei mir ein Umdenkungsprozeß. Die Probleme mit ihm lösten sich allmählich und ich streckte meine Fühler in Richtung Schulbegleitforschung aus."Einen weiteren Impuls, der ihr Selbstbild positiv beeinflußte, erfuhr sie bei einem Klassentreffen einige Jahre später. Ein ehemaliger Lehrer sagte: "Du warst schon immer etwas Besonderes. Du wars schon als Schülerin clever und talentiert." Diese Fremdwahrnehmung steht bis heute im Kontrast zu dem Bild, welches sie von Kindheit an von sich selbst hat. Die genialen Schwestern Als Jüngste von vier Mädchen beschreibt sie ihre Geschwisterkonstellation heute so."Meine Schwestern, besonders die nächstälteste, waren supergut in der Schule. Ich hatte es schwer, unbelegte Plätze zu finden. Eigentlich blieb nur Mathe und Musik für mich. Da ist so ein Selbstzweifel geblieben: darf ich mich als 'Jüngste' überhaupt herausheben? Andererseits durften wir auch in hohem Maß Individualisten sein." Die Pole von Leistung und Anpassung werden hier im familiären Spannungsfeld sehr deutlich. Eine unbewußte Botschaft "sei gut, aber übertreib es nicht" trägt wie bei vielen Frauen, zu einer gebrochenen Haltung im Hinblick auf die Karriere bei. Auf diesem familiären Hintergrund war die besondere Rolle im Kollegium erst durch schulnahe Forschung und Veröffentlichung, dann durch die Schulleiterambitionen - besonders ambivalent von ihr erlebt. "Ich hob mich heraus und erlebte einen Verlust von Zugehörigkeit; so kam es vermutlich, daß ich längere Zeit an der 'Richtigkeit' meiner Wunschvorstellungen zweifelte." Dieses Erleben ist unter frauenspezifischem Blickwinkel interessant, weil das Erkennen von Unterschieden und die Akzeptanz des Andersseins Frauen eher schwer fällt. Speziell in frauendominierten Arbeitszusammenhängen gilt die These "lieber schwach und gemeinsam als stark und einsam" (Flacke). Auf der Suche nach Unterstützung "Ich habe mich nie gescheut, um professionelle Hilfe zu bitten"Zur eigenen Klärung besuchte sie vor drei Jahren die erste Fortbildung "Berufs- und Lebenswegestaltung" mit der Frage: Welchen beruflichen Entwicklungsweg suche ich ? Rückblickend wurde diese Frage durch eine Skulptur beantwortet, die sie körpersprachlich und symbolisch ausdrückte. "Ich hatte mehrere große Steine. für die verschiedenen Möglichkeiten gewählt. Ich betrachtete jeden Stein länger legte ihn wieder weg und ging zum nächsten. Mir wurde klar, daß ich verschiedene Dinge prüfen kann und daß ich keinen Druck für eine Entscheidung haben brauche. Ich konnte mir erlauben, Zeit zu gewähren und auch mal Gelegenheiten ungenutzt zu lassen." Wichtige Anstöße zu konkreten Auseinandersetzung mit Aufgaben und Rolle einer Schulleiterin kamen von außen. "Es ergab sich, daß ich in zwei persönlichen Gesprächen von meinem damalige Schulleiter sowie einem Vertreter der behördlichen Personalstelle zu diesem Schritt ermutigt wurde. Bei mir wurden dadurch eher ambivalente Gefühle ausgelöst. Ich fühlte mich anerkannt und gleichzeitig überfordert." Umgang mit guten Gelegenheiten Eine zweite Fortbildung zum Thema "Selbstkompetenz und Leitung" nutzte sie auf diesem Hintergrund zur weiteren Klärung und Stabilisierung.Eine Aufgabe bestand darin, den eigenen bisherigen Berufsweg unter dem Aspekt von Leitungsinteressen zu legen. "Ich hatte einen Weg gelegt, der wie ein Baum aussah. Er hatte viele regelmäßige Verzweigungen und wurde immer differenzierter. Dann erinnerte ich mich an die Stein-Skulptur vom letzten Mal und sagte mir: Wenn du jetzt weiterhin 'Steine' aufnimmst, verzettelst du dich. Ich spürte, daß mich zu viele Gelegenheiten überforderten. Jetzt ging es um Prioritäten und damit um Entscheidung." In dieser Phase gab es sehr unterschiedliche Zeitqualitäten, die jeweils spezielle Handlungen bewirkten und benötigten. Als der Zusammenhang von äußeren Impulsen und inneren Reaktionen deutlich wurde, konnte ein Gefühl für die passende Gelegenheit und den "richtigen " Zeitpunkt entstehen. "Der weitere Entscheidungsprozess dauerte noch ein Jahr., indem ich mir verschiedene Fragen vorlegte: Was muß ich aufgeben, damit ich meine Kräfte auf die neue Aufgabe konzentrieren kann? Was werde ich dazugewinnen? Wie kann ich mir bei all den Erwartungen überhaupt selber treu bleiben?" Parallel zu dieser Selbstklärung begann ein aufreibender und auch schmerzhafter Prozess von Bewerbungen, Profilierung und auch Zurückweisungen. Neue Potentiale reifen langsam Der bisher beschriebene Prozess verlief über einen Zeitraum von gut drei Jahren. Die neu geweckten Potentiale brauchten Zeit und auch Arbeit, um zu reifen. Im Rückblick kann dieser Wachstums- prozess in seinen Zusammenhängen deutlich werden."Ich wollte einerseits ein Wagnis eingehen und beruflich etwas riskieren, was ich mir bisher nicht zugetraut hatte. Andererseits machte mir dieses neue Zutrauen in meine Fähigkeiten auch angst. Im Grunde ist mir in diesen letzten Jahren erst klar geworden, wieviel Antriebskraft und Risikobereitschaft in mit steckt. Allmählich traute ich mir zu, diese Eigenschaften mit meinem schulischen und pädagogischen Wissen zu verbinden. Dann war die neue Aufgabe als Schulleiterin eine stimmige und folgerichtige Konsequenz für mich. Heute, nach dem ersten wirklich schwierigen Jahr weiß ich: Mut ist das Wichtigste, was Du brauchst, um Schulleiterin zu werden." |
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