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Willkommen in der "Midlife- Crisis"?
(veröffentlicht in : Bremer Lehrerzeitung 2-1998)
"Ich habe gemerkt, wie schnell meine Lebenszeit dahingeht," resümiert eine Teilnehmerin ihre Erfahrungen während einer Lehrerfortbildung zum Thema "Berufs- und Lebensweggestaltung". Diese Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens erleben wir sonst bei Ereignissen wie Geburtstagen, Jahreswechsel, aber auch Krankheiten oder Todesfällen. Oft trifft uns diese Erfahrung überraschend, weil bewußtes, alltägliches Innehalten in unserer Gesellschaft wenig populär ist. Zwar erleben die meisten Menschen im Alltag Augenblicke der Einsicht, des Friedens oder der Zuversicht. Unsere Gesellschaft gibt uns jedoch kaum einen Rahmen oder Sinnzusammenhang, in dem wir sie begreifen können. Eine Möglichkeit, Wandel und Wechsel in der Lebenspespektive zu spüren oder gar zu planen, bieten diese beruflichen Fortbildungen sowie Gruppen- und Einzelberatungen. Die meisten Menschen befinden sich nicht in einer Lebens-oder Sinnkrise, wenn sie sich zu diesen Seminaren anmelden. Aber häufig sind sie am Ende eines Abschnittes ihres (Berufs-)Lebens angelangt, sind bereit für einen neuen Entwicklungsschritt, manchmal ohne es selber zu merken. Viele befinden sich in der Lebensmitte und haben auf einer tiefen Ebene ihren bisherigen Lebensmittelpunkt "aufgebraucht" oder sind ihm entwachsen. Alte Einstellungen und Verhaltensmuster, aber auch materielle und emotionale Strukturen erscheinen zu eng und überholt. Diese Verunsicherung fühlen und zeigen Menschen oft durch Resignation und Ratlosigkeit oder durch besondere Geschäftigkeit. (Prediger Salomo) Wenn die Zeit reif ist oder der Leidensdruck zu groß ist, begegne ich motivierten Menschen hauptsächlich Frauen in meiner Arbeit. Viele sind bereit, neue Potentiale zu entdecken, die den Weg in die zweite Hälfte ihres Lebens markieren. Zwei Teilnehmerinnen schildern, wie sie "Wendepunkte" in ihrem Leben im Rahmen von Fortbildungen wachstumsorientiert gestaltet haben. Zur eigenen Größe stehen Eine Verwaltungs- angestellte, tätig auf der mittleren Leitungsebene, beschreibt ihre Erfahrungen:"Obwohl ich öfter anderer Meinung bin als mein Vorgesetzte, hatte ich manchmal Schwierigkeiten, meine Auffassung vorzubringen. In einem Rollenspiel bat mich Renate Schmieder -ihr gegenüberstehend- zu sagen, was zu sagen war. an diesem Tag trug ich Schuhe mit höherem Absatz. Ohne darüber nachzudenken, zog ich meine Schuhe aus, um nicht auf sie herabblicken zu müssen. Dieses empfand ich als unangenehm. Daraufhin forderte sie mich auf, mich auf einen Stuhl zu stellen und meine Meinung vorzutragen. obwohl es mir schwer fiel, habe ich es geschafft. Darüber nachgedacht, fällt es mir heute leichter, meinem Vorgesetzten er ist ein paar Zentimeter kleiner als ich gegenüber auch stehend mein Anliegen vorzutragen. ICH STEHE ZU MEINER GRÖSSE". Später veränderte sich auch in ihrem Privatleben einiges, denn die erlebte Größe erlaubte ihr nicht mehr, sich in ihrer Ehe mit Gewalt kleinhalten zu lassen. Manche Erfahrungen sind wie Wendepunkte, die sich deutlich spürbar im Lernprozess vollziehen. Das können Sekunden sein, sowie in diesem Rollenspiel, in denen ein bestimmtes Gefühl oder ein Gedanke geäußert wird. Die meisten Lernschritte sind weniger spektakulär, sondern führen zu langfristigen Veränderungen oder grundsätzlichen Überlegungen. Einen Übergang gestalten Eine Lehrerein (verheiratet, 3 Kinder) überdachte ihre Prioritäten zwischen Beruf und Familie neu. Sie besuchte das Seminar am Ende ihres zweijährigen Erziehungsurlaubs kurz vor dem Wiedereintritt in das schulische Berufsleben. Im Rückblick beschreibt sie ihre Seminarerfahrungen:"Als ich damals den fiktiven Brief zu dem Thema "Mein (Berufs-) Leben in 5 Jahren", an eine gute Freundin schrieb, ist mir Vieles klar geworden. Ich habe gemerkt, wie schnell meine Lebenszeit dahingehen wird, wie schnell meine eigenen Kinder aus dem Jugendalter kommen werden und sich damit auch von mir entfernen. Das hat dazu geführt, daß ich beschlossen habe, die nächsten 5 bis 10 Jahre schwerpunktmäßig als Familienjahre zu sehen, in denen ich für meine Kinder genug Zeit haben möchte und das Familienleben bewußt gestalten will. Ich fing an, mir ganz konkrete Vorstellungen zu machen, wie ich arbeiten will (wieviele Stunden und unter welchen Bedingungen) denn sonst besteht die Gefahr verheizt zu werden". Im weiteren Seminarverlauf setzte sie sich mit ihren hohen Erwartungen und Leistungsansprüchen auseinander. Zwei Jahre später schreibt sie: "Erwartung ist ein Begriff, an dessen Bedeutung für mein Leben ich noch viel zu kauen habe, denn ich will alles und zwar sofort... Eine tolle Mutter sein, eine nette, prima Lehrerin, gut aussehen, eine lebendige Beziehung zu meinem Mann leben und, und." Dieser Anstoß machte bewußt, daß sie besonders hohe Ansprüche an sich selbst und zum Teil auch an andere hatte. Dem gegenüber stellte sie fest, daß die Erwartungen der KollegInnen, realistisch betrachtet, meistens geringer sind, als von ihr angenommen wurde. Zusammenhänge in der eigenen Biographie erkennen Als sie ihre Biographie in Hinblick auf die Berufswahl in einem Bild darstellte, entdeckte sie unerwartete Zusammenhänge: "Plötzlich wurde mir klar, daß meine häufige Unzufriedenheit im Beruf viel mit der Geschichte meiner Herkunftsfamilie zu tun hat. Wir erlebten unseren Vater immer von einem starken Pflichtbewußtsein und ausgeprägtem Leistungsdenken getrieben. Diese Vorstellungen habe ich unbewußt auch in mein Leben übernommen. Auch merkte ich, daß vieles in meinem Privatleben noch nicht geklärt ist. Daran arbeite ich seitdem." sondern nur die Unkenntnis der Zusammenhänge. Wieviel Reflexion braucht man? Wenn das Leben eine andere Richtung nimmt, ist es für manche Menschen sehr wichtig, Ursachen und Hintergründe zu verstehen. Aus meiner Erfahrung ist das oft nützlich und hilfreich, aber nicht für jede Frau und jeden Mann. Wer eher handelnd und erfahrungsorientiert vorgeht, braucht mehr Energie im Tun und sollte lernen, die jeweiligen persönlichen Ereignisse als Zwischenschritte oder Irrtümer, wertzuschätzen.Andere Menschen, die positive Erfahrungen mit Selbstreflexion gemacht haben, stellen sich vielleicht gerne Fragen zum Beispiel: "Welchen Sinn schreibe ich meiner persönlichen Lebensgeschichte zu? Was will ich daraus schlußfolgern, um den nächsten Schritt zu tun?" Der persönliche Stil kann sehr verschieden sein, jedoch scheint mir das Bewußtsein hilfreich, von einem bestimmten Moment an daran arbeiten zu wollen, das Leben zur Vollendung zu bringen. Dazu kann es auch nützlich sein, sich mit dem Tod zu beschäftigen, um das Leben zu schätzen, so wie dieses Tibetanische Sprichwort es ausdrückt: oder das nächst Leben - was zuerst kommt, wissen wir nie ! (Tibetanisches Sprichwort) Beenden und loslassen Die Frage mag paradox klingen: "Soll ich etwas beenden, was noch nützlich erscheint? Im Beenden einer Tätigkeit, einer Beziehung oder einer Sichtweise kann ein neuer Sinn gefunden werden.Das geschieht dann nämlich, wenn ich mir sagen kann:"Gut, das war bisher eine Möglichkeit für mich, etwas auf eine bestimmte Weise zu tun. Das war ein Lernprozess, der jetzt vorbei ist, weil ich etwas Neues anfangen möchte. "Auf diese Weise können wir uns mit der Vergangenheit identifizieren (weil sie einen persönlichen Sinn hat) UND TROTZDEM ÜBER EINE Schwelle gehen und Zukünftiges neu gestalten. Sinnfragen persönlich beantworten Meine persönliche Motivation für diese Art von Arbeit ist unter anderem die eigene Sinn- und Zielsuche gewesen.Durch die besondere Erfahrung eines "visionquest", ein indianisches Ritual in der Wildniss mit einer dreitägigen "solotime" habe ich eine neue Sicht auf meine zweite Lebenhälfte in persönlicher und beruflicher Hinsicht bekommen. So sehe ich den Sinn meines Berufes als Beraterin und Trainerin darin, andere in ihrem Such und Wachstumsprozess zu unterstützen. Im Schutzraum eines Seminares erlebe ich zum Beispiel wie ein negatives Selbstbild sich auflöst, wie vergangene Erfahrungen neu gedeutet werden oder ein klarer Blick nach vorn gewagt wird. In diesem Prozeß sehe ich mich in der Rolle einer Begleiterin und manchmal auch Mittlerin auf dem Weg, das zum Teil verborgene Wissen über sich selbst in jedem Menschen zu fördern. Darüberhinaus macht es mir ausgesprochen Freude, den Rahmen für solche Lernprozesse herzustellen. Meine Absicht ist es, einen Ort innerhalb oder am Rande des Arbeitslebens zu schaffen, an dem bestimmte Regeln und Rituale respektiert werden, wo der Trubel des Alltages nicht vorherrscht und wo es Menschen ermöglicht wird, zu erkennen, wer sie sind. |
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